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Artikel

EINE WAHRE GESCHICHTE

2006-08-02

Leider sind nicht alle Geschichten Märchen mit Happy End. Dennoch sollte man auch in den schwierigsten Momenten des Lebens immer versuchen, etwas Positives zu finden. Die folgende „wahre Geschichte“ lässt uns vielleicht einmal darüber nachdenken, wie unbedeutend wir sind und, wie wichtig es hingegen ist, die Liebe, die in uns steckt, zu entdecken.

MEIN LIEBER ENGEL

Eine Freundin erzählte mir von dem Klassenkamerad ihrer Tochter. Thomas war das, was man gemeinhin unter einem „sehr lebendigen Kind“ versteht. Yvonne, die Tochter meiner Freundin, stritt, wie übrigens die meisten Kinder der Klasse auch, manchmal mit Thomas recht heftig wegen seines aufbrausenden Wesens.
Die Mütter versuchten, ihren Kindern einzupaucken, nicht mit Thomas zu streiten und sich vor allem nicht von ihm provozieren zu lassen, dennoch sahen sie sich von Zeit zu Zeit gezwungen, auch mit seiner Mutter zu sprechen, um gemeinsam mit ihr nach Lösungen zu suchen.

Sandra, Thomas’ Mutter, kannte die Probleme und versuchte, ihm zu erklären, dass er sich auf diese Weise seinen Mitschülern gegenüber nur unsympathisch machen würde.
Thomas hielt sich dennoch oft nicht an die Regeln und daher kam es immer wieder zu Reibereien mit der Direktorin. Zum Schuljahresende erfuhren die Schüler, dass Thomas mit seinen Eltern umziehen würde. Im Dorf waren nur seine Grosseltern geblieben, zu denen er eine sehr enge Beziehung hatte. Diese kam er im Anschluss häufig besuchen.
Im Laufe der Zeit, wohl auch bedingt durch die Distanz, fand er sogar einen Freund, Julian, der in Yvonnes Nähe wohnte. Julian war ganz ein anderer Typ, als Thomas, sehr ruhig und diszipliniert und niemand konnte so recht verstehen, was die beiden Kinder so stark zueinander hinzog. Aber Julian hatte einen äusserst positiven Einfluss auf Thomas, half ihm dabei, ruhiger und beherrschter zu werden.

JULIAN IST SEHR BESORGT, ALS ER VON DER NACHRICHT HÖRT

Thomas liebte den Fussballplatz im Dorf . Jedes Mal, wenn er zu Besuch war, rannte er sofort zu Julian, um mit ihm Fussball spielen zu gehen. Beide waren sehr an diesen Ort gebunden, an dem sie sich treffen und miteinander reden oder einfach die Zeit zusammen verbringen konnten. Aber auch in der neuen Schule gewöhnte er sich mit der Zeit ein und erbrachte gute Leistungen.
Eines Tages kam Thomas am Wochenende nicht zu den Grosseltern. Als Julian und Yvonne zu ihnen gingen, um zu erfahren, warum er nicht gekommen sei, mussten sie hören, dass es ihm nicht sehr gut gehe und er gepflegt werden müsse.
Nach ein paar Tagen erkundigt sich Julian erneut nach seinem Freund. Zu seinem grossen Schrecken erfuhr er, dass Thomas ins Krankenhaus gebracht worden war, da die Ärzte nicht wüssten, um was für eine Krankheit es sich handelte.
Julian ist beunruhigt und sehr besorgt und tatsächlich eröffnen ihm Thomas’ Grosseltern bei seinem nächsten Besuch, dass es Thomas gar nicht gut gehe und die Ärzte befürchten, dass es sich um eine schwere Krankheit handelt, die einer längeren Behandlung bedürfe.

Natürlich wollte Julian seinen Freund im Krankenhaus besuchen. Er besprach seinen Wunsch mit seiner Mutter, die sich mit Thomas’ Mutter in Verbindung setzte und dadurch die ganze grausame Wahrheit erfuhr: Thomas war an Leukämie erkrankt.
Sie wusste, dass sie Julian vorbereiten musste, was ihn im Spital erwarten würde und versuchte ihr Bestes, es ihm so schonend, wie nur möglich beizubringen.
Es war nicht einfach, ihrem Kind eine so tragische Situation zu erklären. Sie hatte Mühe, die richtigen Worte zu finden, um ihren Sohn nicht zu sehr durcheinander zu bringen.
Julian war natürlich sehr erschrocken und wenige Tage später begab er sich zusammen mit seinen Eltern ins Krankenhaus, um endlich seinen Freund zu sehen.

Thomas war nicht mehr der Junge von früher; er war mager und bleich, seine Arme waren mit dem Tropf gebunden, durch den er künstlich ernährt wurde und durch den ihm ständig Medikamente eingeflösst wurden.
Julian hatte Yvonne nichts von diesem ersten Besuch erzählt. Er befürchtete, sie könne nicht damit fertig werden und wollte auch Thomas nicht zu sehr aufregen. Was er im Spital schliesslich sah, stimmte ihn überaus traurig. Der Freund den er kannte, existierte nicht mehr. In Thomas’ Augen konnte man sein ganzes Leiden und die Schmerzen, die er auszuhalten hatte, erkennen. Dennoch schien ihn der Anblick von Julian aufleben zu lassen.

IN DEN ARMEN SEINER MUTTER BRICHT JULIAN IN TRÄNEN AUS

Julian brachte ihm eine Menge Briefe und Kärtchen mit, die ihm seine ehemaligen Klassenkameraden geschrieben hatten. Er erzählte Thomas, dass der Fussballplatz renoviert worden sei und am vergangenen Sonntag, während der Einweihung, hätten sie eine Gedenkminute für ihn abgehalten. Ausserdem solle er möglichst schnell wieder gesund werden, da alle ungeduldig auf seine Rückkehr warten würden.
Thomas wollte alles bis ins kleinste Detail wissen, aber die ganze Aufregung machte ihn sehr schnell müde und Thomas’ Mutter bat Julian, an einem anderen Tag wiederzukommen, da Thomas sich jetzt ausruhen müsse.

Julian war sehr tapfer bis zu diesem Zeitpunkt, aber als er das Zimmer seines Freundes verliess, brach er in den Armen seiner Mutter in Tränen aus. Unvermeidlich begann er Fragen zu stellen, auf die niemand eine Antwort wusste. „Warum, warum gerade Er?“ fragte Julian seine Mutter und danach „Aber er wird doch wieder gesund, nicht?“
Seine Mutter hatte einen Knoten im Hals, wollte nicht lügen und sagen, dass er geheilt werden könnte und alles in Ordnung sei, wo es doch keine Garantie dafür gab. Aber sie wollte ihrem Sohn auch nicht sagen, dass sein Freund wenig Chancen auf Heilung hätte, sondern nur Hoffnungen. Sie sagte ihm einfach, dass die Ärzte alles daran setzten, um ihn zu heilen und dass niemand wisse, was einem das Schicksal beschert.

Julian kehrte nach Hause zurück, wo Yvonne schon ungeduldig auf ihn wartete. Er erzählte ihr alles, über die Krankheit und die Ängste, die ihn quälten. Wenn auch Yvonne sicher nicht die beste Freundin von Thomas war, war sie dennoch entsetzt über dieses Geschehnis und über Julians’ Schmerz für seinen Freund. Instinktiv vereinte sie sich mit Julian in diesem Kampf ohne Waffen, in der Hoffnung, ihren Freund so schnell, wie möglich wiederzusehen. Von diesem Tag an wollte sie auch mitkommen, wenn Julian Thomas im Spital besuchte. Während deR Hin- und Rückfahrten im Auto der einen oder anderen Eltern, hielten die zwei sich an den Händen und trösteten sich gegenseitig, ohne zu sprechen. Sie gingen zusammen Thomas’ Grosseltern besuchen und versuchten, ihnen, wie auch sich selbst, Mut zu machen.

Leider war Thomas’ Kampf weder leicht, noch kurz. Die Ärzte konnten nichts Konkretes sagen, manchmal reagierte er positiv auf die Therapien, manchmal verschlimmerte sich sein Zustand plötzlich.
Nach ein paar dramatischen Monaten, in denen Yvonne und Julian unerschütterlich Thomas besuchten und ihm Kärtchen und Zeichnungen von Kameraden und Freunden brachten, lernten die beiden Kinder viele Wahrheiten über das Leben. Diese Erfahrung machte die zwei reifer, als andere Kinder ihres Alters.
Trotz aller Bemühungen der Ärzte trat bei Thomas keine Besserung ein. In den wenigen Momenten, in denen es ihm besser ging, fragte er immer, ob er zu seinem geliebten Fussballplatz gehen könne, den er seit der Renovierung noch nicht gesehen hatte.
Nach einigem Zögern beschlossen die Ärzte, Thomas die Erlaubnis zu geben, das Spital für ein paar Tage zu verlassen. Als Yvonne und Julian diese Nachricht erfuhren, waren sie im siebten Himmel. Sie wussten nicht, dass die Ärzte diese Erlaubnis nur gegeben hatten, da keine Hoffnung auf Heilung mehr bestand.

FÜR ILLUSIONEN WAR LEIDER KEIN PLATZ MEHR

Es fiel Thomas’ Eltern unglaublich schwer, diese schreckliche Wahrheit vor den drei Kindern zu verbergen. Es brach ihnen fast das Herz, als sie sahen, wie die drei im Spitalzimmer tuschelten und schon an den Tag dachten, an dem Thomas entlassen würde und sie zusammen an den geliebten, in der Zwischenzeit modernisierten Fussballplatz gehen könnten.
Ihr einziger Trost war, dass ihr Sohn diese letzten, glücklichen Momente zusammen mit seinen Freunden erleben durfte. Die Freude in den Augen von Thomas war so gross, es schien, als ginge es ihm besser, aber die Untersuchungen der Ärzte logen leider nicht und liessen den Illusionen keinen Platz. Die Verbesserungen waren nur vorübergehend.

Der Tag der Entlassung aus dem Spital kam und Thomas kehrte ins Haus der Grosseltern zurück, um so in der Nähe seiner Freunde und natürlich dem geliebten Fussballplatz, der für ihn fast eine Besessenheit geworden war, zu sein.
Abgesehen von Yvonne und Julian, die mit Bangen auf ihn warteten, waren auch all seine anderen Freunde gekommen. Niemand wusste, dass hinter dem Lächeln der Eltern, die von der ganzen Zuneigung gerührt waren, sich die Gewissheit versteckte, dass dies wahrscheinlich das letzte Mal war, dass Thomas den Fussballplatz, sowie seine Freunde und alle Personen, die mit ihm feierten, sehen konnte.
Aber schon die Freude, ihren Sohn so glücklich zu sehen, gab ihnen die Sicherheit, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, als er sie bat, für eine Weile nach Hause zurückkehren zu dürfen; bei seiner Rückkehr ins Spital müsse er von neuem die schrecklichen Therapien über sich ergehen lassen.
Die Emotionen des Tages waren so gross für Thomas, dass er schnell erschöpft war und seine Eltern fuhren ihn nach einer Weile nach Hause, damit er sich ausruhen konnte.
Die wenigen Tage, bis Thomas ins Spital zurückkehren musste, vergingen wie im Flug. Vorher bat er seine Freunde noch, ihm ein Foto und ein bisschen Erde vom Fussballplatz in einer Glasflasche zu bringen, damit er diese auf seinem Nachttisch aufstellen könne, um sich weniger einsam zu fühlen. Yvonne und Julian erfüllten seine Bitte und so kehrte er ins Spital zurück.

Sein Zustand verschlimmerte sich in kurzer Zeit. Es war nicht mehr möglich, seinen Freunden die Wahrheit zu verheimlichen, man musste nur die geeigneten Worte finden, um mit ihnen zu reden. Thomas’ Eltern nutzten den Tag, als der Zustand ihres Kindes so schlecht war, dass die Ärzte seinen Freunden keinen Besuch erlaubten. Sie versuchten, den beiden zu erklären, dass Thomas’ Krankheit sehr viel schlimmer war als sie dachten; aber die Kinder verstanden schnell, wie die Dinge lagen. Sie trösteten sich selbst, indem sie sich sagten, nachdem Thomas sie nach dem Foto und der Erde des Fussballplatzes gebeten hatte, hätten sie schon verstanden, dass er sie in Kürze verlassen würde, um an einen schöneren Ort zu gehen. Wahrscheinlich musste sein Weg auf dieser Erde früher enden, als der von anderen Personen. Plötzlich waren es die Kinder, die Thomas’ Eltern Kraft gaben.

Über diese Worte nachdenkend, stellten sie fest, dass die Tragödie von Thomas ein ganzes Dorf verändert hatte. Alle nahmen plötzlich Anteil an den Sorgen der anderen, aber vor allem liess dieses Ereignis zwei Kinder wachsen, die eine so grosse Nächstenliebe in sich hatten, dass sie diese mit allen teilen mussten, die ihnen nahe standen.

Antonella Zapparoli


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